S. spricht

Wenn ich mir recht überlege, was du mir bedeutest, dann weiß ich nicht so recht, was ich überlegen soll.Ein verstohlener Blick auf mein Mobiltelefon.

„Nein, ich warte nicht auf einen Anruf, erwecke ich etwa den Eindruck? Nein, ganz und gar nicht, ich wollte nur nach der Uhrzeit schauen.“ - Die Uhrzeit ist mir scheißegal. Mir ist egal, ob es früh oder spät ist. Ich wünschte es wäre so spät, dass ich dich vergessen könnte. Eine kleine Lappalie, die mich daran denken lässt, dass ich mich nach etwas sehne. Und dann hat man es zugegeben und ist auf ein mal ein Mensch. Dabei habe ich mir doch vorgenommen, mir vorzulügen ich sei besonders. Besonders gut, um genauer zu sein.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf schießen, merkte ich gar nicht, dass S. weiterspricht. Er sagt Worte wie „Spreeufer“ und „Grillen“ und ich tue so als würde ich zuhören. Sein Tonfall lässt darauf schließen, dass er auf meine Zustimmung wartet, also gebe ich sie ihm und versinke weiter in meinen Gedanken. Im Prinzip habe ich mich nur mit ihm getroffen, um nicht alleine zu ein. Ich meine ein physisches Nicht-Allein-Sein, und damit wiederum meine ich keinen Sex, sondern viel mehr möchte ich, dass ein mir bekannter Körper in meiner unmittelbaren Umgebung ist und spricht. Auch wenn ich gar nicht zuhöre.

Dann steht dir ein Mensch gegenüber und er könnte gerade seinen Selbstmord planen, während du sprichst, du weißt es nicht. Irgendwann ist er tot, und du wirst dich entweder immer fragen, ob er in diesem Moment seinen Selbstmord geplant hat.

Oder du stellst dir diese Frage gar nicht. Wahrscheinlich ist das für das durchschnittliche, menschliche Bewusstsein viel zu schwierig.

Wir sind täglich umzingelt von Problemen, Dingen, Menschen, Geräuschen und Kopfschmerzen aufgrund von Hitze, Kälte, Übermüdung, Alkohol. Wobei uns diese Kopfschmerzen gar nicht umgeben, sie sind in uns drin. Doch trotzdem fühlen sie sich an, als wären sie um uns herum.

Die gelbe Bahn fährt an uns vorbei und wir sind oben. Ich möchte mich für einen Moment  am Bahnsteig in die Sonne setzten, aber wenn ich schon wieder solche Wünsche äußere, denkt S. ich sei verrückt.  Wir gehen also weiter und die Sonne bleibt da wo sie ist.

Jetzt merke ich, dass S. nicht mehr spricht und mich anschaut. Dann verzieht sich sein Gesicht zu einem enttäuschten „Du-hast-mir-nicht-zugehört- Ausdruck“. Ich denke alle Menschen sind Egoisten. So wie ich das verstanden habe, bin ich ein Mensch, also bin auch ich ein Egoist. Deduktion.  Das verheimliche ich so gut, wie meine alzheimererkrankte Großmutter Brot versteckt. Sie hat ständig Angst, dass wieder Krieg sein könnte und der Feind wieder alle Nahrungsmittel mitnimmt. Genau so verstecke ich meinen Egoismus. Denn Egoismus ist hässlich, und menschlich. Na, worauf schließen wir daraus?

Ich sage Wörter und du gibst dich zufrieden. Bier kaufen? – Bier kaufen! Habe allerdings nur noch Geld für das ganz günstige Bier. Egal, Hauptsache ich bin ein bisschen benommen.

Jetzt spricht S. wieder.
Es gibt zwei Arten etwas zu sagen. Bei der ersten sagst du Wörter, bei der zweiten, sagst du Dinge. Wenn du Dinge sagst, dann sagst du wirklich etwas. Wenn du Wörter sagst, dann geht die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht auf. Bei dieser Variante verbrauchst du nämlich Energie und es macht keinen Sinn. Nichts verändert sich. Man sollte die Regel einführen, dass man nur Dinge sagt, wenn man nicht sinnlos Energie und Zeit verbraucht, sondern es wirklich einen Sinn macht. Ich denke, dann wäre es sehr still in der Welt, wie in einer U-Bahn, in der sich keiner kennt. So wie morgens, wenn ich zur Arbeit fahre. Wer fährt schon mit seinen Freunden zur Arbeit und plaudert? Also kennt keiner den Anderen und spricht dementsprechend nicht. Morgens haben wir noch nicht sinnlos Energie verbraucht. Wir haben einen ordentlichen Vorrat angespart. Vielleicht sollten wir es ein wenig machen wie meine alzheimerkranke Großmutter: Ein bisschen was zurücklegen, für schlechtere Zeiten.

S. möchte heute nichts zurücklegen.

Fear, love and loss.

“Remember that everyone you meet is afraid of something, loves something and has lost something.”

H. Jackson Brown

Der Dorfjunge #4 – Giftpfeile

Als ich zwölf Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir von einer Stadt, die damals für mich den Mittelpunkt der Erde darstellte, in ein Dorf. Ich musste auf eine neue Schule, hatte zunächst keine Freunde und wusste seit dem, dass ich mehr brauche, als schöne Wälder und klare Bäche, um glücklich zu werden. Nach dem Abitur zog ich aus. Sofort. Nach einem kurzen, einjährigen Zwischenstopp in Köln, bin ich nun in Berlin und erzähle aus der Sicht des Dorfjungen, den ich wohl nicht vollends aus mir rausbekommen werde. Ich laufe mit großen Augen durch eine große Stadt und staune.

Ein Besuch bei den Eltern, und schon verliere ich mich wieder. Ich möchte ausbrechen, obwohl ich schon längst weit weg bin. Ich weiß, ihr seid gut zu mir. Ich weiß auch, dass ihr mich vermisst, aber es ist nicht das Richtige für mich. Ich möchte mehr, und eigentlich nur glücklich sein. So viel ist das doch eigentlich gar nicht, möchte man meinen. Ich bin hier, um mich glücklich zu machen, nicht euch.

Umgeben zu sein von den Menschen, vor denen ich geflüchtet bin, weil ich gemerkt habe, dass sie mir nicht guttun. Dass sie mir wehtun, obwohl sie nur so sind, wie sie sind. In Berlin bin ich stärker geworden und hier geht es mir gut. Bei euch fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind, das Schutz benötigt, und um eure Zuneigung kämpfen muss. Dafür bin ich zu gut.

Es hat lange gedauert, um festzustellen, dass ich gut bin – oder dass ich überhaupt etwas wert bin. Früher habe ich mich gefragt, warum meine Freunde mich überhaupt mögen. Es gab für mich keinen Grund. Dass ich nett und liebenswert bin – dieser Gedanke war für mich so abwegig wie kein zweiter. So Vieles war abhängig von der Meinung und den Äußerungen Anderer, die gar nicht wissen konnten, was Kritik an meiner Person für mich bedeutete. Ich hatte mich verloren in dem Bild, das andere von mir hatten und war bemüht, ein perfektes Bildnis aufrechtzuerhalten. Natürlich wusste ich, dass man nicht perfekt sein kann, aber kann man nicht wenigstens perfekt erscheinen?

Unmöglich – weiß ich nun. Es hat allerdings lange gedauert, um dies rauszufinden, doch letztlich hat es sich gelohnt, an meiner Wahrnehmung zu arbeiten. Sich selbst zu schätzen ist häufig schwierig in dieser Gesellschaft der retuschierten Plakatwerbungen und den scheinbar perfekten Menschen. “Leistung und Marktwert ” – Begriffe die mittlerweile ohne jeglichen Hintergedanken auf Menschen angewendet werden. Leistung und Marktwert – klingt das nicht nach Maschinen?

Ich rauche eine Zigarette in einem Café und sehe die Menschen, die zur U-Bahn laufen. Sie sind nicht perfekt. Sie haben alle ihre Makel. Ich bin einer von ihnen und schaue sie nicht verächtlich an, so wie ich es früher getan hätte. Nicht, weil ich die Menschen wirklich abgewertet habe, sondern mich selbst. Hier in Berlin ist es gut, sich zu unterscheiden und anders zu sein – damit meine ich nicht die Leute, die um jeden Preis anders sein wollen.

Vielleicht ist es wirklich wahr. Berlin scheint eine Stadt für Menschen zu sein, die woanders nicht klarkommen. Ich musste mich befreien von schlechten Einflüssen und dieser Umgebung. Sechshundert Kilometer weiterziehen, um zu sehen, dass ich genüge. Vielleicht sogar mehr, als nur das. Eure Worte sind keine, in Zuckerwatte gehüllten, Giftpfeile mehr für mich.

Kunst im Kopf.

„Haben Sie das „Triptychon des Weltgerichts“ von Hans Memling als Vorlage für Ihre Apokalypse genommen?“

„Nein, eigentlich habe ich dafür Pornohefte benutzt“, antwortete der Künstler.

Bild im Kopf! Langweilige Vorlesung, das ist meine Mitschrift. Welches Bild entsteht in deinem Kopf?

Selbst in den Löckchen haben wir Verdunklungen und kleine Konturen. Dieses speckige Gesicht und die Hängebacken. Die Qualität der Linie? Fleischlichkeit. Entrückt und hoheitsvoll. Muster von großer Darstellungsschärfe. Liebe für die Fläche. Der Grund ist auf ganz merkwürdige Weise dunkel. Selbstvergessend. Apfel. Sixpackandeutungen. Starke Bauchausprägungen. Habitus. Verklemmt. Birnenbäuchlein. Hohe erotische Qualität. Er war schon eher ein wichtiger Mensch. Wir bleiben bei den Nackten. Solarplexusbereich leichter Schwung. Konturbetonung, platt. Es war eine sehr sehr glückliche Ehe, aus der auch viele Kinder hervorgingen. Unmittelbarkeit der Situation vorgegaukelt. Richtung und Gegenläufigkeit.

Vom Leben gelernt

Tag 1 – Jedes Lied kann zur traurigen Wahrheit werden

„I miss you all the time…“ okay, schon klar, ja. Wundervolle Gedanken, Texte, Lieder ziehen durch eine Beziehung wie Wolken durch den Himmel. Lieder, bei denen du an die gemeinsame Zeit denkst, katapultieren dich auf Wolke 7, schon klar.
Was aber ist mit dem Lied, dass ihr neulich nachts betrunken zusammen auf der Straße gesungen habt? „So I would choose to be with you, thats if the choice were mine to make. But you can make decisions, too, and you can have this heart to break.“ Was hat dieser Text nur in eurer ach so wundervollen Beziehung zu suchen!?
Warte ein paar Monate und du weißt es. Aha, jetzt passt es ja. Wie angegossen. Mh, Mist. Ich wünschte, wir hätten dieses Lied nur nie zusammen gehört.
Nächstes Mal dann am besten alle Lieder mit einer traurigen Aussage, die du nicht verstehst verbannen? Wird wohl kaum möglich sein. Vielleicht sind sie auch gut zu etwas. Nämlich, um dich daran zu erinnern, dass es immer vorbei sein kann. Irgendwann, irgendwie, obwohl du daran gar nicht denken willst und sollst. Auch wenn deine Gefühle grad mit ausgestreckten Flügeln durch die Lüfte segeln. Abstürzen geht immer. Leider. Der Glaube an die Liebe darf nicht verloren gehen, er ist das Wasser für die Beziehung. Aber sei nicht zu naiv. Sonst singst du womöglich gleich schon „Yesterdaaaaaay…“ ;)

Die Angriffsfläche

Die Angst verletzt zu werden hemmt uns. Ein wenig von sich preisgeben, aber nicht zu viel. Damit ich keine Angriffsfläche biete. Bin ich ein verdammtes Kriegsfeld? Ich möchte einfach nur wissen, was du denkst. Dann frage ich mich, was ich hätte anders machen sollen. Hätte ich dir deutlicher machen sollen, dass ich dich gut finde? Ich bin kein Mensch für Dates. Ich frage mich, was mein Gegenüber von mir hält und verhalte mich nicht natürlich. In solchen Situationen spiele ich eine Rolle, die ich nicht mag. Immerhin handelt es sich hierbei nicht um eine Theaterbühne. Kulisse: Du, ich, ein Park, die Spree.

Und dann sage ich Dinge, die ich ironisch ausdrücke und eigentlich ganz ernst meine. Du fragst dich, was ich in Wahrheit meine? Ich auch! Alles nur wegen der verdammten Angriffsfläche, die möglichst klein gehalten werden muss. Damit man kein Nein kassiert. Ganz ehrlich, ist Unklarheit besser, als eine ungewollte, unerwartete Antwort?  Ich finde diese Regeln beim Dating sehr dämlich. Kann ich nicht einfach fragen: “Hey, ganz ehrlich – was für einen Eindruck habe ich eigentlich gestern bei dir hinterlassen?”.

Ich drücke mich vor Dates, daher kenne ich nicht die Regeln. Entweder ich verhalte mich zu distanziert oder ich bin zu schnell. Im Warten war ich nie so gut. Da baue ich lieber eine Mauer, um mich nicht zu blamieren. Wenn du was willst, dann sag es mir einfach, und spiel nicht diese dämlichen Spielchen.

Der Dorfjunge #3 – Der Mikrokosmos

Als ich zwölf Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir von einer Stadt, die damals für mich den Mittelpunkt der Erde darstellte, in ein Dorf. Ich musste auf eine neue Schule, hatte zunächst keine Freunde und wusste seit dem, dass ich mehr brauche, als schöne Wälder und klare Bäche, um glücklich zu werden. Nach dem Abitur zog ich aus. Sofort. Nach einem kurzen, einjährigen Zwischenstopp in Köln, bin ich nun in Berlin und erzähle aus der Sicht des Dorfjungen, den ich wohl nicht vollends aus mir rausbekommen werde. Ich laufe mit großen Augen durch eine große Stadt und staune.

“Migrationshintergrund” ist ein wahnsinnig lustiges Wort. Wenn ich durch Kreuzberg gehe, in der U-Bahn fahre oder im Park sitze frage ich mich häufig, was genau ist eigentlich “deutsch sein”? Bedeutet es lediglich, dass man seinen Hauptwohnsitz in Deutschland hat, oder dass man Lederhosen trägt und Sauerkraut mag? Bedeutet es vielleicht, dass man hellere Haut hat? Einen deutschen Namen?

Dann frage ich mich, wie lange ich es ausgehalten habe hier zu leben, ohne jedoch meine eigene Nationalität richtig zu definieren. Wenn man die politischen Debatten verfolgt, könnte man meinen, dass nur Menschen von ehemaligen Gastarbeitern aus der Türkei oder anderen, muslimisch geprägten Ländern, Menschen mit Migrationshintergrund sind. Von Menschen die in Kasachstan geboren sind, deren Vorfahren mütterlicherseits aus Deutschland und väterlicherseits aus Polen stammen und russisch sprechen, redet man jedoch nie. Meine Eltern sind auch in Kasachstan geboren, aber selbst in Kasachstan waren sie keine “Kasachen”. Sie waren Minderheiten polnischen und deutschen Ursprungs. Mit polnischem, beziehungsweise deutschen Migrationshintergrund, wenn man denn so will. Sie wurden jedoch russisch sozialisiert, genau wie ich.

Ich spreche fließend Russisch, ebenso jedoch akzentfreies Deutsch. Wäre da nicht mein russischer Vor- und mein polnischer Nachname, würde keinem auffallen, dass ich nicht einer von euch bin. Je nach Situation werde ich in verschiedene Schubladen gesteckt, mal passt die deutsche besser, mal die der Migranten. Manchmal sagen meine deutschen Freunde, dass ich so deutsch wäre wie sie. Dann bitte ich sie meine Eltern mit mir zu besuchen, um zu sehen wie “deutsch” ich aufgewachsen bin. Russisches Fernsehen, russische Bücher, Zeitungen, Essen. Russische Musik und die fremde Sprache ist allgegenwärtig. Von unseren Verwandten, die mittlerweile in verschiedenen osteuropäischen, beziehungsweise zentralasiatischen (Kasachstan) Ländern leben wird meine Familie liebevoll “die Deutschen” genannt. Meine Großmutter hat mal gesagt: “In Kasachstan waren wir ‘die Deutschen’ und in Deutschland sind wir ‘die Russen’. Russlanddeutsche? Deutsche Russen? Russische Deutsche?

Es scheint verschiedene Abstufungen von Migranten zu geben. Ganz unten sind die mit muslimischem Hintergrund. Da ist er schon wieder: der “Hintergrund”. So weit hinten ist der Grund gar nicht, denn warum sollten diese Menschen gänzlich ihre Kultur ablegen, sobald sie in ein neues Land kommen? Ich fühle mich in Deutschland zu Hause, aber es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn ich in der Bahn eine Frau ein russisches Buch lesen sehe. Oder wenn sich auf der Straße zwei Männer auf russisch unterhalten. Das ist wirklich zu Hause. Denn es ist in Deutschland, aber trotzdem irgendwie auch nicht.

In Russland, würde ich wohl nicht als “Russe” gelten – zurecht. Denn die russische Kultur hierzulande unterscheidet sich so stark von der in Russland und den Staaten der ehemaligen UdSSr. Hier ist es ein Mix aus Nostalgie, dem Bewahren der russischen Sprache und Kultur, und den Einflüssen der neuen, deutschen Heimat. Deswegen könnte ich mich auch nie als “richtig deutsch” bezeichnen.

Mit großem Interesse lese ich Zeitungsberichte zur Migrationsthematik in Deutschland. Schaue mir politische Talkshows dazu an, und ich finde mich nie dort wieder. Ich kann mich nicht identifizieren mit den Problemen, denn immer geht es um Migranten aus der Türkei und den arabischen Staaten. Die Wichtigkeit, diesen Personenkreis einzubeziehen, stelle ich selbstverständlich nicht in Frage. Ich wünschte mir nur, dass mir jemand erklärt, wer ich eigentlich bin.

Manchmal stelle ich mir vor, dass ich in einem kleinen, osteuropäisch geprägtem Mikrokosmos, der sich wiederum in einem viel größeren, deutschen befindet, aufgewachsen bin. Zwei Kulturen treffen aufeinander, und ich fühle mich in beiden wohl. Das heißt jedoch nicht, dass ich auf eine davon verzichten möchte. In politischen Debatten können sich viele Menschen etwas solches nicht vorstellen, deswegen scheinen sie häufig zu verlangen, dass die Migranten ihre alte Kultur vollends ablegen. Wie soll man sich auch etwas solches Vorstellen können, schließlich ist ein Großteil der Deutschen “richtig deutsch”.

Oft erinnert mich Kreuzberg, und Berlin im allgemeinen an den Mikrokosmos, den ich in meiner Vorstellung habe, wenn ich an meine Kindheit denke. Nur ist dieser Mikrokosmos kein rein russischer, er beheimatet so viele, verschiedene Kulturen, die größtenteils friedlich nebeneinender existieren. Ich fühle mich hier wohl, weil es nicht nötig ist, seinen Hintergrund zu definieren. Er ist einfach da, es ist in Ordnung. Ich wohne zwischen einer Moschee und einer muslimischen Koranschule. Wie kann jemand in Frage stellen, dass dies ein Teil von Deutschland ist? Das ist mein persönliches Deutschland.

Ich bin aufgewachen zwischen zwei Kulturen. Ich passe weder richtig in die eine, noch in die andere, aber in Berlin ist das egal. Es ist ein riesiger Unterschied zur Provinz, wo die Nachbarn über “dreckigen Araber” oder die “dämlichen Russen” schimpfen. Seien wir ehrlich, in Berlin muss man im Alltag als Migrant nicht mal die deutsche Sprache beherrschen – ob dies gut, oder schlecht ist, das sei mal dahingestellt. Russische Supermärkte, türkische Plakatwerbung und deutsches Bier. Ich jedenfalls habe weiterhin ein Grinsen im Gesicht, wenn ich auf meinem Pass lese: “Staatsangehörigkeit: deutsch”

Der Gruß

An manchen Tagen bin ich so versunken in die Anonymität der Stadt, dass ich mir vorkomme, als würde ich durch einen Film laufen. Die Menschen sind Schauspieler, die Stadt nur eine Kulisse und ich bin nur zufällig hineingeraten, da ich versehentlich die falsche Tür in eine andere Welt benutzt habe. So ziehe ich häufig beobachtend durch die Straßen und bin darauf eingestellt, von den meisten Menschen gar nicht wahrgenommen zu werden, als wäre ich nicht existent. Jeder läuft an mir vorbei und ist versunken in eine ganz eigene Gedankenwelt oder Konversation, nur selten treffen sich diese Welten. Meist, da irgendwer aus seiner Gedankenwelt aufwacht, um eine andere Person anzuschreien, da diese ihm in der engen U-Bahn auf die Schuhe getreten ist. Diese Momente sind nur von sehr kurzer Dauer und führen zu meinem Erstaunen nur selten zu einer Reaktion – häufig bleibt das Geschrei unbeantwortet. In Ihrer Gedankenwelt versunken ziehen die meisten Menschen in einem schlafähnlichen Zustand durch die Stadt und ich wage es zu behaupten, dass die meisten von ihnen in einer alltäglichen Routine gefangen sind, sodass sie nicht merken, was um sie herum passiert.

Nach einem Treffen mit meinem Chef, war auch ich versunken in meiner Gedankenwelt. Musikhörend stand ich an der Straße, darauf wartend, dass mir das grüne Licht erlaubt die Straße zu passieren. Ich weiß gar nicht mehr, worüber ich nachgedacht habe, aber wer weiß schon, was er oder sie in solchen Momenten denkt? Eigentlich schade, wie viele Gedankengänge beinahe sinnlos verloren zu gehen scheinen. Auf der Mitte der Straße war ein geistig leicht verwirrter Mann, mittleren Alters, welcher mich zunächst angrinste und mich anschließend Grüßte. Sehr freundlich, nicht aufdringlich oder ähnliches und mein Gehirn versuchte mit diesem Gesicht einen Namen zu verknüpfen. Vergeblich. Dieser Mensch war mir gänzlich unbekannt, ich hatte ihn noch nie gesehen und er riss mich vollends aus meiner Gedankenwelt. Ich war verwirrt und anschließend noch verwirrter, da eine solche Nebensächlichkeit, wie ein einfacher Gruß eine solche Verwirrung in mir hervorzurufen vermochte. Jemand war in meine Gedankenwelt eingebrochen. Gewaltsam. Hatte mich befreit aus dem Trott und verwirrt zurückgelassen. Manchmal wünschte ich, das würde öfter passieren.

 

32 Euro, bitte!

Ja, ich führe zur Zeit ein sehr provisorisches Leben, in welchem es häufig an finanziellen Mitteln mangelt. Das hat wenig damit zu tun, dass ich nicht arbeiten möchte. Zu dieser Art Mensch gehöre ich nicht. Ganz im Gegenteil, ich bin gerne mit Menschen zusammen, kommuniziere gerne und es würde mir wohl sehr fehlen, hätte ich nicht das gewohnte Umfeld einer Arbeitsstelle.

Wir leben allerdings in einer düsteren, traurigen Welt, in der junge Menschen alles dafür tuen, später einen Job zu bekommen und daher im Hier und Jetzt auch mal ein unbezahltes Praktikum annehmen. Sieht ja schließlich schön aus, auf dem Lebenslauf, warum nicht? Warum nicht? Na weil man eben kein Geld verdient – und sofern man nicht gerade der Sohn oder die Tochter eines glücklichen Zahnarztehepaars ist, hat man ein echtes Problem. So lebe ich vor mich hin, sammle da mal durch Gelegenheitsjobs einen Groschen, da durch einen Artikel. Und sorge mich darum, wie ich meine Miete bezahle.

Weiterhin bin ich ein Mensch, der es nicht versäumt zu feiern. Von der harten Arbeit muss man sich ja schließlich erholen. So traf ich mich mit meiner guten Freundin C. und einer weiteren Freundin von ihr in einer russischen Bar. Gut, dass C. den Baarkeeper kannte, so konnte Sie den ein oder anderen Longdrink, beziehungsweise Cocktail für uns ergattern. C. ist ebenso Praktikantin und hat auch nicht reich geerbt wie offensichtlich so viele hier in Berlin. Nachdem wir ein wenig getanzt hatten und feststellten, dass in dieser russischen Bar einige Männer im fortgeschrittenen Alter ihre Hemden auszogen, zogen wir weiter. Es war vier Uhr morgens und obwohl alle sehr müde, bevorzugten wir es in eine weitere Bar zu gehen. C. sagte, sie kenne eine Hipsterbar hier um die Ecke am Rosenthaler Platz. Was für ein ironischer Vorschlag.

Da gingen wir hin, klopften an einer Tür und wurden von oben bis unten gemustert. “Nein, das ist nicht Haute Couture.”, dachte ich mir. Trotzdem kamen wir rein und traten ins Gespräch mit einigen Leuten, die entweder wahnsinnig erfolgreich tuen, oder wahnsinnig erfolgreich sind. Einige gaben auch einfach nur das hart verdiente Geld von Vati und Mutti aus der bayrischen Heimat aus. Ich dachte mir, dass ich mir ein günstiges Bierchen holen kann, und als ich an der Bar stand, bemerkte ich in einem Zustand hochgradiger, geistiger Verwirrung (Ich war angetrunken), dass es gar kein Bier gab. So bestellte ich zwei Gin Tonic für mich und Cs Freundin. Mir wurde ein kleines Fläschchen serviert. “Was ein Service, da muss man sich hier den Gin auch noch selber eingießen.”. Gedacht, getan und in freudiger Erwartung gleich noch ein wenig Alkohol in mich reinzuschütten holte ich ein paar Gulden aus meinem Geldbeutel. Der weniger freundliche Mensch an der anderen Seite des Bartresens sagte mir in einem nicht minder unfreundlichen Tonfall, dass das dann 32 Euro macht. Folgende Optionen hätte ich gehabt:

  • bezahlen
  • “Bist du verrückt? Ich bezahle doch keine 32 Euro für zwei Gin Tonic!” und gehen

Ich betone an dieser Stelle erneut, dass ich in einem alkoholgetränkten Zustand der geistigen Umnachtung war. Erraten! Ich wählte die erste Option. Vorbei, es war weg das schöne Geld. Bis auf die Knochen beschämt kehrte ich zurück und musste meinen Freunden erklären, dass ich gerade 32 Euro für zwei Gin Tonic bezahlt habe. Warum habe ich die Drinks nicht zurückgegeben? Wenn ich das nur wüsste! So beschlossen wir, wenn wir schon 32 Euro bezahlt hatten, wenigstens noch etwas zu bleiben. Vielleicht würden wir ja einige wichtige Kontakte knüpfen, die es uns erleichtern würden letztlich doch noch die Kontrolle über die gesamte Welt zu erlangen. Das nennt man “Networking” hier in Berlin. Ich unterhielt mich mit einem Promifriseur, einem Typen aus einer Band die ich vor Jahren mal live gesehen habe und erzählte allen, dass Mitte spießig und piefig ist. Am Ende wollten uns noch ein paar Typen in einen Club mitnehmen. Als wir beteuerten, dass wir dafür wohl nicht mehr genug Kapital hätten, zeigten sie sich bereit für uns zu zahlen. Wir sind doch keine Dirnen, junger Mann!

So zogen wir von dannen und ich saß etwas angetrunken um sieben Uhr an der U-Bahn, in der freudigen Erwartung, gleich erst mal in einen längeren, komatösen Zustand zu entgleiten. Leider traf ich dort DJ Grinsebacke aus der russischen Bar zuvor. “Und, wo gehts noch hin?” – “Nach Hause!” – DJ Grinsebacke und sein verwirrter Freund lachten und sagten: “Um diese Uhrzeit fängt die Party in Berlin doch erst an!”. Für mich war sie auf jeden Fall zu Ende.

Der Freitag

Kunststurz, in der aktuellen Ausgabe vom “Freitag“. Dringend alles aufkaufen, ausschneiden und an die Wand hängen.